Was Autoren vom Ballett lernen können

Was Autoren vom Ballett lernen können

Vor ein paar Wochen habe ich zum ersten Mal ein Ballett besucht. Das Stück hieß “Cinderella” und handelte von dem gleichnamigen Märchen. Da ich keine Ahnung hatte, wie so ein Stück abläuft und ob ich überhaupt verstehe, worum es in der Geschichte geht, habe ich mich sicherheitshalber für ein Stück entschieden, von dem ich den Inhalt kenne. Wir hatten tolle – und mit 24 Euro pro Ticket auch günstige – Plätze in den oberen Rängen, von wo wir die Bühne und das Orchester gut im Blick hatten. Vor Beginn hat der Choreograf des Stücks die Geschichte kurz umrissen und erklärt, mit welcher Szene sie beginnt und welchen Verlauf sie nimmt. Dann hob sich der Vorhang und ich war von der ersten Sekunde an von der Erzählweise der Geschichte gefesselt. Die Kombination aus Live-Musik, dem Bühnenbild und dem Tanz war einfach faszinierend. Irgendwann zwischen Cinderellas Trauer um ihre verstorbene Mutter und der ersten Begegnung mit dem Prinzen regte sich ein Gedanke in meinem Hinterkopf: Ballett ist für Autoren gar nicht uninteressant.

Was haben Schreiben und Ballett gemeinsam?

Auf den ersten Blick scheint es keine Gemeinsamkeiten zu geben. Vielmehr sind die Unterschiede klar erkennbar. Beim Schreiben kannst du nur mit Worten eine Geschichte erzählen, die dazugehörigen Bilder müssen im Kopf der Leser entstehen. Im Ballett fällt hingegen kein einziges Wort, es gibt nur den Tanz, die Mimik der Tänzer und natürlich die Musik. Die dazugehörigen Dialoge und Gedanken muss sich der Zuseher selbst zusammenreimen. Obwohl beim Schreiben und beim Ballett wesentliche Elemente fehlen, um eine Geschichte zu erzählen, gelingt es trotzdem, die Leser und das Publikum in den Bann zu ziehen und emotional zu berühren.

In beiden Fällen wenden Autoren und Choreografen dieselbe Technik an, um die fehlenden Elemente zu ersetzen, sodass es gar nicht mehr auffällt, dass sie überhaupt fehlen. Sie zeigen, was passiert und erklären es nicht. Show, don’t tell, wie es so schön heißt. Und das Ballett ist Show, don’t tell in Reinform.

Show, don’t tell in der Kurzfassung

Bei dieser Technik geht es darum, eine Geschichte nicht zu erzählen, sondern sie zu zeigen. Damit soll die Geschichte für den Leser zu einem authentischen Erlebnis werden. Er soll nicht das Gefühl bekommen, dass der Autor zu ihm spricht, sondern dass er selbst mitten in der Geschichte ist und den Figuren zusieht.

Es gibt 3 Situationen, in denen häufig eine Geschichte erzählt wird, anstatt sie zu zeigen:

  1. Wenn eine Vorgeschichte geschildert wird, die vor der eigentlichen Handlung passiert ist
  2. Bei der Beschreibung von Figuren
  3. Bei der Beschreibung der Gefühle und Sinneswahrnehmungen der Figuren

Bei der Vorgeschichte kannst du die narrative Zusammenfassung oder eine Rückblende anwenden. Punkt 2 und Punkt 3 kann man hervorragend durch Handlungen zum Ausdruck bringen. Anstatt eine Figur, ihre Charaktereigenschaften, ihre Gefühlslage und Sinneseindrücke lange zu erklären, solltest du sie einfach in der Geschichte agieren lassen. Um es mit den passenden Worten von Sol Stein auszudrücken:

“Der Leser erlebt das, was sich vor seinen Augen abspielt. Das, was hinter der Bühne geschieht, empfindet er nicht als unmittelbares Erlebnis.” (Sol Stein, Über das Schreiben, 184.)

Bevor ich dir nun meinerseits lange Erklärungen gebe, schau dir doch einfach diese Szene (von Minute 03:29 bis 06:46) aus Cinderella an. Ich habe nicht diese Version des Stücks gesehen, allerdings gab es ganz ähnliche Szenen. Du siehst hier Cinderella, die beiden Stiefschwestern und die Stiefmutter. Lass dich nicht davon verwirren, dass die Stiefschwestern und die Stiefmutter von Männern dargestellt werden. Das liegt einfach daran, dass auf diese Weise tänzerisch mehr möglich ist, also zum Beispiel für Hebefiguren und ähnliches.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/_TuA9vAy6GA?start=209

Wie aus diesem Ausschnitt erkennbar wird, kann der Charakter einer Figur anhand ihres Verhaltens dargestellt werden. Verhaltensweisen sollen dem Leser ein Bild vermitteln, sodass er sich selbst eine Meinung über die Figur bilden kann. Im Ballett werden Geschichten nur auf diese Weise erzählt.

Für das Schreiben heißt das also, dass du dich nicht nur auf Beschreibungen beschränken musst, wie „er war geizig“ oder „sie war penibel“. Handlungen können die Motive der Figuren ebenso klarmachen, zum Beispiel „Jeden Abend zählte er auf den Cent genau seine Einnahmen nach und notierte alles in seinem Notizbuch. Die Spalte für freiwillige Spenden blieb dabei immer leer.“ Oder „Es störte sie in ihrer Konzentration, wenn die Linie einer karierten Tischdecke nicht genau mit der Tischkante abschloss.“

Genauso funktioniert es mit Gefühlsbeschreibungen. Anstelle von “Er fühlte sich verfolgt.” Kannst du die Gefühlslage auch mit “Er warf alle paar Sekunden einen Blick in den Rückspiegel.” schildern und dem Leser so ein Bild liefern.

Auch für die Gefühlslage findest du wieder schöne Darstellungsmöglichkeiten im Ballett. Natürlich sind  die Mimik und Gestik etwas übertrieben. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass die Zuschauer in den hinteren Rängen der Handlung auch noch gut folgen können. Sieh dir einfach diesen Ausschnitt (von Minute 13:00 bis 14:43) an, dann wirst du verstehen, was ich meine. Obwohl wieder kein Wort gesprochen wird, sind die Gefühle der Darsteller dennoch gut nachzuvollziehen.

Versuche also, dem Leser keine Erklärungen zu liefern, sondern lass ihn mithilfe von bildlichen Beschreibungen sehen, was passiert.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/_TuA9vAy6GA?start=780

Fazit

Ballett ist eine andere Form des Geschichenerzählens, die sich vor allem des Show, don’t tell bedient und diese Erzählweise daher hervorragend beherrscht. Ich kann dir auf alle Fälle nur empfehlen, einmal ein Ballett zu besuchen. Es ist einfach ein besonderes Ereignis und du kannst als Autor auch noch einiges dabei lernen.

Und weil ich es so schön fand, hier noch der Trailer von dem Stück, das ich gesehen habe:

https://www.youtube-nocookie.com/embed/nh8HmewaoUc

Von welchen anderen Bereichen können Autoren noch etwas lernen? Schreib es gerne unten in die Kommentare.

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3 Kommentare

  1. Hallo liebe Caro 🙂
    Ich denke, als Autor kann man von jeder Form lernen, die Geschichten erzählt. Ein guter Film zum Beispiel hatte mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, dass man sich als Autor über die Informationen seiner Geschichten und die Macht darüber, wann man sie dem Leser preisgibt, vollkommen im klaren ist. Dramaturgie und figurenbuilding sind auch Dinge, die man da super lernen kann. Genauso im Theater.
    Aber auch andere Künste, die nicht derart direkt Geschichten erzählen, wie eben Musik, bildnerische Kunst usw können mit h absolut inspirieren, aber vor allem erinnern sie einen daran, was wesentlich an einer Geschichte ist:eine Atmosphäre, ein Ausdruck.
    Das Ballett ist nochmal eine ganz eigene und eigentlich wirklich wundervolle Form. Als Kind war ich zweimal in einem, weil da eine gute Freundin auftrat, doch ich war zu jung und voreingenommen, um es zu verstehen. Doch dein Beitrag hat mich echt dazu gebracht, dass ich wohl sehr bald unser Theater wieder aufsuchen werde😊
    Ganz liebe Grüße von der Luna ❤️

    • Hallo Luna,
      stimmt, daran habe ich noch gar nicht gedacht, dass auch Musik und bildnerische Kunst eine Inspirationsquelle sein können. 🙂

      Dann wünsche ich dir viel Spaß bei deinem nächsten Ballett-Besuch!

      Viele liebe Grüße
      Caro

  2. Der größte Teil unseres Gehirns versteht überhaupt keine Worte. Die werden nur in begrenzten Bereichen des Großhirns verarbeitet. und da sind nicht gerade unsere Emotionen beheimatet. Wenn ich ins Tanztheater gehe, lese ich die Vorschau erst gar nicht. Ich lasse auf mich wirken, was ich sehe und meistens klappt das sehr gut. Und überhaupt – Worte. „Ein Wort ist nur der Finger, der auf den Mond zeigt. Es ist nicht der Mond. Und Liebe ist nur ein Wort und nicht das Gefühl. aber wir müssen den Leser zum Fühlen bringen. Ein guter Weg: Metaphern. Nicht:“ Er fuhr schnell mit dem Fahrrad“ sondern „Sein Fahrrad hatte Flügel“ – Man muss sich nur trauen. Grüße von Dirk H.

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