Was Autoren von Disney lernen können

Was Autoren von Disney lernen können

In einem meiner letzten Artikel über das Ballett und was Autoren davon lernen können bin ich schon einmal auf das Thema “Show, don’t tell” eingegangen. Als Autor wird man immer wieder damit konfroniert, da es ein sehr wichtiges Element des Geschichenerzählens ist. Allerdings ist dieses Schreibwerkzeug oft gar nicht so einfach anzuwenden, weshalb ich das Thema noch einmal von einer anderen Seite betrachten möchte.

Was bedeutet show, don’t tell?

Kurz zusammengefasst geht es darum, dass vor allem Charaktereigenschaften, Sinneswahrnehmungen und Gefühle von Figuren nicht beschrieben, sondern durch Handlungen und Reaktionen veranschaulicht werden. Sinn und Zweck dieses Elements ist, dass du den Leser nicht nur mit Tatsachen konfrontierst. Vielmehr soll er sich selbst ein Bild von den Figuren machen können.

“Er hatte Angst.” ist ein typisches Beispiel für Tell, also die erzählende Weise einer Gefühlslage. “Seine Hände zitterten.” oder “Es schnürte ihm die Kehle zu.” sind Varianten des Show, also des Zeigens einer Gefühlslage. Wobei zitternde Hände nicht nur Angst bedeuten können, sondern auch Nervosität. Sie können aber auch Symptom einer Krankheit sein. Hier kommt es immer sehr stark auf den Zusammenhang an.

Ähnlich verhält es sich auch mit Charaktereigenschaften:

“Sie war mutig”. Ist eine Variante, die der Leser so hinnehmen kann oder auch nicht. In diesem Fall muss er dem Autor einfach glauben, dass dem tatsächlich so ist. “Sie balancierte ohne Sicherheitsnetz auf einem Seil.” Lässt erahnen, dass die Figur mutig ist, sie könnte aber auch einfach nur sehr überzeugt von ihren Fähigkeiten sein, was auf ein hohes Selbstvertrauen schließen lässt. Auch hier kann der Kontext entscheidend sein.
Manchmal kann dir diese Mehrdeutigkeit aber auch helfen, um Konflikte zwischen den Figuren heraufzubeschwören. Das klassische Comic-Helden-Szenario wäre, dass der Held die Frau, die er liebt, von sich stößt, um sie zu schützen. Sie interpretiert seine Abweisung anders als der Leser/Zuseher, der die Beweggründe hinter dieser Handlung kennt. In dem Artikel Was Autoren von Comics lernen können sind bereits einige Punkte zusammengefasst, die man sich von Comics abschauen kann.

Aber in diesem Beitrag soll es ja nicht um Comics gehen, sondern um Disney. Zugegeben, es ist fast unmöglich, in einem Artikel alles festzuhalten, was Autoren von Disney lernen können. Daher konzentriere ich mich hier auf einen Aspekt. Nämlich auf die Charakterisierung von Figuren, genauer gesagt: wie man in der ersten Szene die typischen Eigenschaften einer Figur hervorheben kann.

Die erste Szene

Ein Schreibtipp lautet, dass die typischen Eigenschaften und Charakterzüge einer Figur gleich bei ihrem ersten Auftritt hervorgehoben werden sollen. Damit machst du dem Leser von Anfang an klar, mit wem er es zu tun hat. Im Laufe der Geschichte kann die Figur auch andere Seiten zeigen. Aber wie im wirklichen Leben gilt auch für Geschichten: Der erste Eindruck ist der entscheidende.

Wie setzt Disney das um?

Generell lässt sich bei Filmen und Serien einiges über „Show, don’t tell“ lernen. Die Drehbuchautoren haben nämlich gar keine andere Möglichkeit, um den Zusehern Charakterzüge und Gefühlslagen zu vermitteln. Sie müssen die Handlungen der Figuren sprechen lassen, da es nur selten einen Erzähler im Hintergrund gibt, der Informationen preisgibt.
Im Gegensatz dazu ist man als Romanautor oftmals versucht, Dinge zu beschreiben.

Aber werfen wir einfach mal einen Blick auf drei Beispiele aus dem Disney Universum. Die unten genannten Filme sind in den 1990ern erschienen und einige von euch haben sie wohl auch schon gesehen. Wer die Filme nicht kennt, hat keine Spoiler-Gefahr zu befürchten. Ich gehe jeweils nur auf die ersten Szenen ein, in denen die Figuren vorkommen.

Mulan

Tony Bancroft/Barry Cook, Mulan (Mulan), Zeichentrickfilm, 88 Min., USA 1998.

Die gleichnamige Protagonistin Fa Mulan wird folgendermaßen eingeführt:

Sie schreibt sich auf den Unterarm ein paar Notizen, offenbar steht ihr eine Prüfung bevor. Durch einen Hahnenschrei wird ihr bewusst, dass sie spät dran ist. Mulan läuft aus ihrem Zimmer und ruft nach »Kleiner Bruder«, der sich als kleiner Hund herausstellt. Er soll ihr bei der Hausarbeit helfen. Sie bindet ihm mit einem Seil ein Säckchen voll Getreide um den Bauch und befestigt an seinem Halsband ein Stöckchen, an dessen Ende ein Knochen befestigt ist. So routiniert wie Mulan dabei vorgeht, scheint sie diesen Trick nicht zum ersten Mal anzuwenden. »Kleiner Bruder« läuft dem Knochen hinterher und verteilt so das Getreide unter den Hühnern. Als Nächstes ist Mulans Vater zu sehen, der im Schrein zu den Ahnen betet und sie um Unterstützung für Mulan bittet. In der Stille des Gebets laufen Mulans Hund und die Hühner einmal quer durch den Schrein, was ihr Vater aber nicht weiter beachtet. Mulan kommt mit einer Kanne Tee und einer Tasse zu ihrem Vater. Aufgrund des Tumults, den »Kleiner Bruder« und die ihm hinterherlaufenden Hühner verursachen, fällt Mulan die Teetasse aus der Hand. Sofort holt sie aus ihrer Rocktasche eine zweite Tasse hervor, die sie ihrem Vater reicht und ihn dabei an den Hinweis des Arztes erinnert, dass er regelmäßig seinen Tee trinken soll.

In wenigen Minuten erfährt der Zuseher, dass Mulan offenbar kein typisches Mädchen ist, wie man es sich im mittelalterlichen China vorstellt. Sie ist erfinderisch und denkt unkonventionell. Diese Eigenschaft wird ihr im Laufe der Geschichte noch mehrmals zugutekommen. Außerdem sorgt sie sich um ihren kranken Vater. Auch das Bild des Vaters zeichnet sich innerhalb weniger Sekunden ab. Er ist religiös und wünscht sich nur das Beste für seine Tochter. Trotz dieser konservativen Haltung reagiert er gelassen auf den morgendlichen Tumult.

Hercules

John Musker/Ron Clements, Hercules (Hercules), Zeichentrickfilm, 92 Min., USA 1997.

Sehen wir uns an, wie hier der Antagonist Hades vorgestellt wird:

Als er auf der Feier am Olymp erscheint, verstummen sofort die Gespräche. Alle Aufmerksamkeit ist auf Hades gerichtet, was dieser sofort ausnutzt, um seine Meinung kundzutun. Er bezeichnet Zeus’ Liebe für seinen Sohn als “herzerweichend” und wirft einen Witz hinterher: “Als mir das letzte Mal so warm ums Herz war, habe ich mich an einer Peperoni verschluckt.” Auf die darauffolgenden ernsten Gesichter erwidert er: “Ist das eine Feier oder ein Museum?” Er lässt sich davon aber nicht irritieren, sondern begrüßt die anwesenden Götter mit fröhlicher Miene, drückt sie an sich und macht Scherze. Auf Zeus’ Frage hin, wie es denn in der Unterwelt so laufe, antwortet er, dass es eben dunkel, düster und voll von Toten sei, aber was solle man da schon machen?

In dieser kurzen Szene (sie dauert 30 Sekunden) bekommt der Zuseher schon ein Bild von Hades. Er scheint nicht sehr beliebt bei den anderen Göttern zu sein und neigt zu einem trockenen Humor.

Sehen wir uns Hades noch in seinem eigenen Reich, in der Unterwelt an, da hier noch weitere Charaktermerkmale deutlich werden:
Sobald er dort angekommen ist, ruft er nach seinen beiden Gehilfen Pech und Schwefel, die sofort angelaufen kommen und vor lauter Eile über die Treppe purzeln. An ihrer Reaktion ist schon zu erkennen, dass man wohl besser Hades’ Befehlen schnell nachkommt. Warum dies so ist, wird wenige Augenblicke später klar. Sobald Hades erfährt, dass die drei Seherinnen bereits anwesend sind und ihm das niemand gesagt hat, brüllt er seine Gehilfen sofort an und die Flamme auf seinem Kopf lodert gefährlich auf, bis sie beinahe seinen gesamten Körper bedeckt.
Da er bei so einer Kleinigkeit bereits die Fassung verliert, erfährt man, dass Hades cholerisch veranlagt ist. Diese Charakterzug führt im Laufe des Films noch zu einigen lustigen Szenen.

Zudem verwendet Hades in der englischen Fassung Begriffe wie “Memo”, “Meeting” und “Deal”. Diese Wortwahl lässt erkennen, dass er sich in gewisser Weise als Geschäftsmann sieht und dementsprechend gerne handelt.

Aladdin

John Musker/Ron Clements, Aladdin (Aladdin), 91 Minuten, USA 1992.

Zum Schluss noch die Einstiegsszene von Dschini, dem Geist aus der Wunderlampe. Die Charakterisierung mithilfe der ersten Szene funktioniert nicht nur bei Helden und Bösewichten, sondern auch bei Nebenfiguren.

Aladdin reibt an der Wunderlampe, woraufhin Dschini unter Feuerwerk und lautem Getöse erscheint. Seine erste Reaktion: Er beschwert sich über seinen steifen Nacken, den er nach nur 10.000 Jahren in der Lampe bekommen hat.
Damit wird schon klar, dass es sich bei Dschini um einen witzigen Charakter handelt, der sich selbst nicht so ernst nimmt.

Sobald er seinen Nacken eingerengt hat, redet er ununterbrochen und wechselt im Sekundentakt seine Gestalt.
Auf diese Weise erfährt der Zuseher eine weitere Eigenschaft: Dschini ist eine Quasselstrippe und jemand, der nicht lange stillsitzen kann. Und er verfügt über magische Kräfte, durch die er sich selbst verwandeln und Dinge erscheinen lassen kann.

Fazit

Wie diese Beispiele zeigen, lassen sich Figuren auch ohne Beschreibungen sehr gut charakterisieren. Die Zuseher können die Handlungen und Worte der Figuren bestimmten Eigenschaften zuordnen. Dies verschafft ihnen das Gefühl, eher am Geschehen beteiligt zu sein und nicht nur eine Erzählung präsentiert zu bekommen. Dasselbe Prinzip gilt auch für Romane.

Überlege dir also, wie du die typischen Eigenschaften einer Figur in ihrer ersten Szene veranschaulichen kannst. Als Hilfe und Inspiration kannst du dir Filme ansehen und darauf achten, wie die Figuren bei ihrem ersten Auftritt wirken. Was sagen und tun sie? Welche Worte verwenden sie? Wie reagieren andere Figuren auf sie?

Welche Möglichkeiten kennst du noch, um Charaktereigenschaften hervorzuheben, ohne diese zu beschreiben? Lass es uns in den Kommentaren wissen.

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3 Kommentare

  1. Danke! Eine sehr gute Inspiration und hilfreich! Auch die flittheit dieser Einstieg finde ich sehr gut,dass man eben in wenigen augenblicken viele Infos gibt. Marquez zum Beispiel ist jemand, der perfekt Show und Tell verbindet… Indem ein neuen Charakter auftritt, der soeben gar nichts macht, doch der erzähler schildert einige Ereignisse aus der Vergangenheit, in denen er eben nicht sagt „er ist mutig“ sondern einfach eine Aufzählung verschiedener Leistungen vorbringt.
    Dein Beitrag war in jedem Fall sehr hilfreich, um nochmal das eigene manuskript und die Auftritte der Figuren zu überdenken!

  2. „Wenn Big Joe Williams einem auf der Straße begegnete hatte man das Gefühl, gleich von einem Radlader überrollt zu werden“
    Ich habe nur das Gefühl beschrieben, dass Big Joe auslöst und schon arbeitet die Phantasie des Lesers.

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