Sympathie trotz negativer Eigenschaften

Sympathie trotz negativer Eigenschaften

Du hast vielleicht schon von der Variante gehört, dass eine eigentlich unsympathische Figur auch positive Eigenschaften haben kann. So muss man den Antagonist ja nicht unbedingt mögen, aber er kann trotzdem seine guten Seiten haben. Diese Vielschichtigkeit ist sogar ein Pluspunkt, da die Figuren auf diese Weise glaubwürdiger wird. Zur Glaubwürdigkeit von Figuren habe ich bereits an anderer Stelle etwas geschrieben.

Aber nun noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachtet: Kann eine Figur mit ganz offensichtlich negativen Eigenschaften dennoch Sympathie beim Leser wecken?

Ein Ausflug in die Anime-Welt

“Gekonnt ist eben gekonnt.” Wer die Anime-Serie Detektiv Conan kennt, hat diesen Ausspruch von Kogoro Mori sicher schon einmal gehört. Die Serie basiert auf der gleichnamigen Manga-Reihe von Gosho Ayoama und läuft seit 1996 im japanischen Fernsehen. Inzwischen umfasst die Serie über 900 Folgen und 22 Filme. Wer die Serie nicht kennt, hier eine kurze Zusammenfassung, worum es geht. Keine Sorge, es kommen keine Spoiler.

Hauptfigur ist der 17-jährige Oberschüler Shinichi Kudo. Er ist ein großer Fan von Sherlock Holmes und verfügt über eine ähnliche Auffassungs- und Kombinationsgabe wie sein Vorbild. Als er zwei Männer bei einem verdächtigen Geschäft beobachtet, schleicht sich ein dritter Mann an und schlägt ihn k.o. Shinichi wird ein Gift verabreicht. Doch das Gift verfehlt seine Wirkung. Shinichi stirbt nicht, sondern wacht als 7-jähriger wieder auf. Aber Shinichi hat – wie er im Intro so schön sagt – “Den scharfen Verstand eines 17-jährigen Teenagers behalten.”
Von da an versucht Shinichi mehr über die geheimnisvollen Männer in Schwarz herauszufinden, die ihm das Gift verabreicht haben. Er hält seine Identität geheim und nennt sich Conan Edogawa. Als Conan kommt er bei seiner Klassenkameradin Ran Mori unter, deren Vater, Kogoro Mori, eine Privatdetektei betreibt. Als siebenjähriger Grundschüler löst Conan gefühlt täglich einen Mordfall, wobei er aber immer aufpassen muss, dass seine Tarnung nicht auffliegt. Sobald er den Täter ausfindig gemacht hat, betäubt Conan den ahnungslosen Kogoro Mori mithilfe eines Narkose-Chronometers und imitiert dessen Stimme mit seinem Stimmen-Transposer, der in Conans Fliege versteckt ist (diese netten Hilfsmittel bekommt Conan von einem befreundeten Professor, der seine wahre Identität kennt).

Ich habe bisher um die 730 Folgen und 18 Filme gesehen (Stand: September 2018) und dabei ist mir folgendes aufgefallen:

1. Es war so gut wie nie Selbstmord und auch kein Unfall.

2. Der Täter kommt nie von außen.

3. Der Privatdetektiv Kogoro Mori hat einige negative Eigenschaften und gehört dennoch zu den sympathischsten Figuren der Serie. Warum?

“Gekonnt ist gekonnt.”

Vielleicht noch ein paar Worte zu Kogoro für alle, die die Serie nicht kennen: Kogoro ist 38 und hat eine 17-jährige Tochter, Ran. Vor einigen Jahren gehörte er noch zum polizeilichen Morddezernat, quittierte dann aber den Dienst. Seither betreibt er eine Privatdetektei in Tokio, womit er mittelmäßig erfolgreich ist. Kogoro ist mit Eri verheiratet, die beiden leben aber voneinander getrennt. Eri hat ihn vor Jahren verlassen und ist eine erfolgreiche Anwältin.

Warum sie ihn verlassen hat, ist leicht nachzuvollziehen:

Kogoro trinkt gerne einen über den Durst, wenn er einmal Geld verdient, verspielt er es bei Pferdewetten oder beim Mahjong. Er liebt junge Frauen und umgarnt diese auch schon einmal in Gegenwart seiner Frau. Seitdem Eri ihn verlassen hat, überlässt er seiner Tochter Ran den Haushalt. Zudem behandelt er Conan manchmal etwas zu grob. Vor allem in den älteren Folgen schlägt er ihn, brüllt ihn an, packt ihn am Kragen, wirft ihn unsanft aus dem Raum und bezeichnet ihn als “Schmarotzer”, weil Conan kostenlos bei ihm wohnt. Durch Conan (in Kombination mit dem Betäubungspfeil und dem Stimmentransposer) wird Kogoro bald in ganz Japan als “Schlafender Kogoro” berühmt, der Privatdetektiv, der jeden Fall löst. Kogoro kann sich zwar selbst nicht erklären, wie genau er diese Leistung vollbringt, hat aber kein Problem damit, sich mit seinem Erfolg zu rühmen. “Gekonnt ist eben gekonnt.”

Jetzt wäre es natürlich schlecht, wenn die Leser bzw. Zuseher Kogoro absolut unsympathisch finden würden. Schließlich ist er eine der zentralen Figuren in der Serie und absolut unersetzlich. Wenn Kogoro nicht wäre, könnte Shinichi nur schwer untertauchen und keine Nachforschungen zu den Männern in Schwarz anstellen.

Wie bekommt Gosho Ayoama also die Kurve, dass Kogoro trotz all seiner Fehler sympathisch wirkt?

Kogoro Mori unter der Lupe

Sein Beruf: Kogoro nimmt seinen Beruf als Privatdetektiv ernst. Wenn neue Klienten zu ihm kommen, ist es ihm ein Anliegen, die Fälle zu lösen. Er ist im Grunde eine sehr hilfsbereite Person und er legt großen Wert auf die Wahrheit und Gerechtigkeit und bringt sich dafür auch schon einmal selbst in Gefahr. Dieser Einsatz bringt ihm auf alle Fälle Pluspunkte.

Seine Familie: Kogoro zeigt sich schon einmal etwas grob gegenüber seiner Frau und seiner Tochter, indem er schlechte Witze über sie macht oder anblafft. Wenn Ran jedoch entführt oder bedroht wird, setzt er alle Hebel in Bewegung, um sie zu retten. Generell hat er einen sehr starken Beschützerinstinkt. So will er zum Beispiel auch nicht, dass sich seine Tochter mit irgendwelchen Jungs abgibt, weshalb er immer ein wachsames Auge auf sie hat. Er und seine Frau Eri streiten oft, wobei Kogoro meistens der Verlierer dieser Diskussionen ist. Manchmal scheint er es regelrecht darauf anzulegen, sie zu ärgern. Auf der anderen Seite zeigt er sich Eri gegenüber einfühlsam. In einer Folge bittet er sie beispielsweise, dass sie zu ihm zurückkommt, weil er sie vermisst. Er vergisst nicht auf ihren Hochzeitstag und wenn sie bei einem Fall Hilfe braucht, ist Kogoro zur Stelle (wenn auch gerne unter Protest und Zähneknirschen).

Sein Umgang mit Geld: Wie schon gesagt, verspielt Kogoro sein Geld schon einmal beim Glücksspiel. Es kommt aber auch oft vor, dass er Ran und Conan (und manchmal auch Eri) zum Essen einlädt oder er spendiert einen Ausflug. Kogoro ist also keinesfalls ein Egoist, sondern denkt auch an die Menschen in seinem Umfeld.

Sein Charme: Kogoro ist sicherlich kein Genie, aber er hat ein unerschütterliches Selbstvertrauen und auch einen gewissen Optimismus. Beides kann aber auch ins Schwanken geraten. In einer Folge wird Kogoro von der Presse stark kritisiert, da er angeblich einen Verdächtigen zu grob angepackt hätte. Diese Anschuldigungen machen Kogoro schwer zu schaffen und als Zuseher kann man gar nicht anders, als mit ihm zu leiden.

Kogoro, der Witzbold: Es werden gerne Witze auf Kogoros Kosten gemacht. Er ist derjenige, der stolpert, Sachen umwirft oder für dumm verkauft wird. Seine Schlussfolgerungen sind oft völlig falsch, aber dafür sehr unterhaltsam. Kogoro ist einfach ein witziger Charakter und dadurch gewinnt er an Sympathie.

Obwohl Kogoro doch mehr als nur einen Fehler hat, schafft es Gosho Ayoama ihn dennoch sympathisch wirken zu lassen. Sodass man als Zuseher nichts dagegen hätte, mit Kogoro einmal ein Gläschen Sake zu trinken.
Es geht also nicht nur darum, ob eine Figur gute oder schlechte Eigenschaften hat, sondern auch, welche der Eigenschaften überwiegen und den Grundcharakter einer Figur ausmachen. Niemand hat nur gute oder nur schlechte Eigenschaften. Die Mischung macht einen dreidimensionalen Charakter aus. Mehr dazu erfährst du in meinem Schreibratgeber für Autoren.

Jetzt habe ich wirklich genug über Kogoro geredet. Sieh dir einfach mal dieses Video und entscheide selbst, ob du mit Kogoro in einer Bar was trinken würdest: Hier kommst du zum Video.

Kennst du ähnliche Beispiele wie Kogoro Mori? Welche Eigenschaften muss eine Figur deiner Meinung nach mitbringen, damit sie sympathisch oder unsympathisch wirkt?

 

Beitragsbild von: Porapak Apichodilok

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