Figuren charakterisieren: Weniger ist manchmal mehr

Figuren charakterisieren: Weniger ist manchmal mehr

Es ist manchmal gar nicht so einfach, Figuren so zu beschreiben, dass beim Leser auch der richtige Eindruck von dieser Figur entsteht. Vor allem das äußere Erscheinungsbild kann schon einges über die charakterlichen Eigenschaften einer Figur aussagen. Dabei sollte man den Leser jedoch nicht mit einer Fülle von Details erschlagen, sondern markante Mermale dosiert präsentieren, damit die Figur später auch den Eindruck macht, den sie machen soll.

Wie das funktionieren kann, erfährst du in diesem Artikel.

Der Anfängerfehler

Ein häufiger Anfängerfehler beim Schreiben von Romanen bzw. beim Charakterisieren von Figuren besteht darin, dass man sich in zeilenlangen Beschreibungen verliert und mit Adjektiven um sich wirft.

Natürlich möchte man als Autor seinen Lesern die Figuren, die einem vermutlich sehr am Herzen liegen, näherbringen und sie so darstellen, wie man sie selbst sieht. Darunter fallen in erster Linie die Äußerlichkeiten wie Haar- und Augenfarbe, Statur, Kleidungsstil, besondere Merkmale, etc. Und da die Leser natürlich von Anfang an wissen sollen, wie die jeweilige Figur aussieht, muss diese bei ihrem ersten Auftritt ausführlich beschrieben werden. Solche Beschreibungen können dann beispielsweise so aussehen:

“Marvin war ein groß gewachsener, hagerer junger Mann, dem die ersten Bartstoppeln am Kinn wuchsen. Seine dunkelbraunen, kurzen Haare hätten vielleicht ganz gut ausgesehen, wenn sie ihm nicht von allen Seiten abgestanden wären. Er trug eine Brille mit einer schmalen Fassung, damit sie nicht so sehr auffiel. Da er ziemlich große Füße hatte, wirkten alle seine braunen Schuhe überdimensional riesig. Marvin mochte keine eng anliegenden Kleidungsstücke, weshalb er bevorzugt weite Hosen und T-Shirts trug. Er gehörte eher zur zurückhaltenden Sorte Mensch, die mit vornübergebeugten Schultern durchs Leben ging …”  Und so weiter.

Obwohl in dieser Beschreibung schon sehr viel über Marvin gesagt wird, fällt es den meisten vermutlich schwer, sich ein richtiges Bild von ihm zu machen. Es sind einfach sehr viele Details vorhanden, die im Kopf des Lesers irgendwie zusammenpassen müssen.

Oftmals genügen ein, zwei Details, damit ein Gesamtbild entsteht.

Wie Stephen King schon sagte, muss man bei der Beschreibung einer Figur nicht auf jeden Hemdknopf und jede Hautunreinheit eingehen. Oftmals reicht es völlig, wenn man nur ein, zwei Details nennt, damit ein Gesamtbild von der Figur entsteht.

Weniger ist manchmal mehr

Wenn eine Figur zum ersten Mal in einer Geschichte auftritt, sollte für den Leser schnell klar sein, welchen Typ Figur er vor sich hat. (Oder wer die Figur zumindest vorgibt zu sein.) Dies gelingt dir beispielsweise, indem du die wesentlichen äußerlichen und/oder innerlichen Merkmale beschreibst, die für die jeweilige Figur besonders charakteristisch sind. Weitere (eher zweitrangige) Merkmale können im Laufe der Geschichte zum Vorschein kommen.

Figuren von anderen Figuren beschreiben lassen

Um das etwas klarer zu machen hier ein Beispiel aus “Sushi für Anfänger” von Marian Keyes. Die Autorin charakterisiert ihre Figuren mit wenigen Worten. Dennoch bekommt man als Leser sofort ein recht gutes Bild von den unterschiedlichen Figuren:

“Ashling blickte einen Moment lang verwirrt, dann strahlte sie Lisa an, voll unverhohlener Bewunderung für deren makellose Haut, das taillierte Kostüm, die glänzenden Beine in 10-Den-Strumpfhosen.”

Das Besondere an diesem Beispiel ist, dass diese Beschreibung aus der Sicht von Ashling erfolgt. Dies ist übrigens eine sehr gute Methode, zwei Figuren auf einen Streich zu charakterisieren. Je nachdem, wie Figur A Figur B betrachtet und beschreibt, kann das auch schon einiges über Figur A aussagen.

Dies wird auch im nächsten Beispiel deutlich, wenn Lisa Ashling bewertet:

“Lisa ihrerseits war nicht im Geringsten von Ashling beeindruckt. Ashling hatte Unauffälligkeit zu einer Kunstform erhoben. Wir könnten alle unsere Haare, die weder gelockt noch glatt sind, einfach runterhängen lassen, wenn wir wollten, dachte Lisa hämisch. Keine von uns kommt mit frisiertem, gestyltem Haar auf die Welt – daran muss man arbeiten.”

Obwohl wir an dieser Stelle nicht viel über Ashling wissen und auch nicht genau wissen, wie sie aussieht, sickert doch schon durch, welchem Charaktertyp sie entspricht. Außerdem erfahren wir mehr über Lisa, die Ashling doch eher abwertend beurteilt.

Wenige Details genügen

Lisas Bewertung geht weiter:

“Dann kam Mercedes herein, und auch bei ihr war Lisa sich nicht sicher. Sie war elegant und schweigsam, dunkel und sehnig wie Lakritz.”

Hier tragen gleich zwei Details dazu bei, die ein gutes Bild von dieser neuen Figur liefern.
1. Der Name. Mercedes klingt bereits etwas exotisch und lässt auf einen spanischen oder lateinamerikanischen Hintergrund schließen.
2. Der Vergleich. Dieser erste Eindruck von Mercedes wird durch den Vergleich mit Lakritz noch verstärkt. Als Leser hat man auf diese Weise sehr schnell eine dunkelhaarige Schönheit vor Augen.

Manchmal ist schon eine Kleinigkeit ausreichend

Und mein persönlicher Liebling in diesem Abschnitt des Buches:

“Der Einzige, den Lisa noch nicht kennen gelernt hatte, war Bernhard, und der, so stellte sich heraus, war der Schlimmste von allen. Der rote Pullunder, den er zu Hemd und Krawatte trug, stammte offensichtlich aus der Zeit, als Pullunder das erste Mal modern waren, und mehr brauchte sie, ehrlich gesagt, nicht über ihn zu wissen.”

Wir erfahren an dieser Stelle über Bernhard eigentlich nicht sehr viel mehr, als dass er einen roten Pullunder trägt. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe allein mit diesem Detail und mit Lisas Bewertung ein recht gutes Bild von ihm vor Augen: Ein etwas rundlicher, kleiner Mann, mit grauem Haar, Halbglatze, Bart und Brille. Und es würde mich nicht wundern, wenn er noch in seinem Kinderzimmer bei seiner Mutter wohnt und Briefmarken sammelt.

Woran das liegt? Wir haben wohl alle eine Vorstellung von diesem Typ Mann, der Pullunder mit Hemd und Krawatte trägt. Daher können wir uns die restlichen Details recht einfach dazu denken. Und genau darum geht es letzten Endes, wenn du eine Figur zum ersten Mal deinen Lesern vorstellen willst. Picke dir ein typisches Merkmal dieser Figur heraus und überlasse den Rest der Fantasie deiner Leser.

Fazit

Es kommt also nicht immer darauf an, Figuren möglichst umfassend und detailliert zu beschreiben. Manchmal genügen schon wenige Anhaltspunkte, um dem Leser zu vermitteln, wie eine Figur aussieht und welche charakterlichen Eigenschaften sie mitbringt.

Foto: Pexels Min An

 

Kennst du noch weitere Tipps, wie man Figuren mit wenigen Worten charakterisieren kann? Lass es uns gerne in den Kommentaren wissen.

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2 Kommentare

    • Ja, warum nicht? Damit würdest du andeuten, dass die Figur vermutlich viel Geld hat (oder zumindest den Anschein erwecken will), auf Marken achtet und sich für Motorsport interessiert.

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