Glaubwürdige Charaktere kreieren

Wer erinnert sich nicht gerne an seine ersten Schreibversuche? Ich meine nicht die ersten unbeholfenen Buchstaben, die man mit Filzstift auf einen Block hingekritzelt hat. Ich spreche von den ersten Geschichten, die man geschrieben hat und dabei merkt, welche Freude es einem bereitet, außergewöhnliche Storys und Figuren zu erfinden. Beginnt man im Teenageralter zu schreiben, sind die Charaktere meist so, wie man selbst gern wäre. Sie können Dinge, die man selbst gern beherrschen würde, reagieren cool auf noch so peinliche Situationen und sehen obendrauf auch noch verdammt gut aus. Mit der Zeit werden wir jedoch erwachsen und merken: Etwas stimmt mit diesen Figuren nicht, die wir uns in jungen Jahren ausgedacht haben. Woran liegt das?


 

Die Charaktere eines Romans sind das Bindeglied zwischen dem Leser und der Handlung. Man durchlebt mit ihnen die wildesten Abenteuer, tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste, ist traurig und man freut mich mit ihnen, wenn etwas Gutes passiert. Als Autor besteht eine der wichtigsten Aufgaben darin, die Romancharaktere so zu entwickeln, dass sie für den Leser so greifbar und realistisch wie möglich sind.

Scheinbar perfekte Charaktere wirken häufig seltsam. Sie haben Geld, sehen gut aus, sind Genies, haben einen großen Freundeskreis, das Glück fällt ihnen regelrecht in den Schoß und sie müssen nichts dafür tun. Solche Figuren sind unglaubwürdig.

„Es gibt keine unfehlbaren Menschen, darum kann es auch keine unfehlbaren Romancharaktere geben.“

 

Das ausschlaggebende Stichwort heißt also: “Glaubwürdigkeit”.

Damit es keine Missverständnisse gibt, hier die offizielle Definition von Glaubwürdigkeit wie sie im Duden steht:

Als wahr, richtig, zuverlässig erscheinend und so das Glauben daran rechtfertigend

 

Echter als die Realität

Kaum jemand von uns wird plötzlich vom amerikanischen Geheimdienst gejagt, erhält auf wundersame Weise telekinetische Kräfte, fällt in ein Paralleluniversum oder trifft die Liebe seines Lebens und dessen traumhaften Partner. Wir haben unseren – zugegeben – meist etwas langweiligen Alltagstrott, der aus Arbeit, Schule, Haushalt, Kindern, lesen, abends ins Kino gehen, etc. besteht. Von den kleinen bis mittelschweren Katastrophen, wie Strafzettel, verkohlte Pizzen und dem üblichen Herzschmerz abgesehen, läuft unser Leben eher in ruhigen Bahnen ab. Im Vergleich dazu geht es in Romanen ganz anders zur Sache.

Romanfiguren haben auch ihren Alltag, werden allerdings schnell daraus herauskatapultiert, da ihnen etwas Spektakuläres, Unerwartetes oder ganz Furchtbares widerfährt. Das ist auch gut so, denn die Handlung kommt auf diese Weise in Gang. Der Leser verfolgt gespannt, wie die Figur das Problem löst oder wie sie ihr Ziel erreicht. Die Figur soll während der Geschichte über sich hinauswachsen, um so Probleme bewältigen zu können. Doch sollte auch hier die Entwicklung des Charakters für den Leser nachvollziehbar bleiben. So sollte der schmächtige Computernerd nicht plötzlich mit Baumstämmen um sich werfen können, ohne dass er vorher ein entsprechendes Training absolviert hat – außer er hat durch den Kontakt mit einer radioaktiven Strahlung auf einmal übermenschliche Kräfte erlangt. Der Fantasie des Autors sind keine Grenzen gesetzt, doch sollte er sie mithilfe von bestimmten Ereignissen und Erfahrungen der Charaktere begründen können. Ansonsten verlieren die Figuren ihre Glaubwürdigkeit.

Um Glaubwürdigkeit zu erreichen, muss man sich also zunächst im Klaren sein, dass niemand alles kann und alles weiß oder alles hat. Bei der Charakterenwicklung sollte im Vorhinein überlegt werden, über welche Eigenschaften der jeweilige Charakter verfügt. Was macht ihn aus? Welche Stärken und Schwächen hat er?

Ein Charakter kann natürlich über besondere Fähigkeiten verfügen. Im Gegenzug dafür muss er aber auch in einer Sache besonders schlecht sein. Ein klassisches Beispiel hierfür wäre das kombinatorische Genie mit absoluter Sozialschwäche, was das Einfühlungsvermögen betrifft, wie z.B. Sherlock Holmes.

Als nächsten Schritt sollte gut überlegt sein, woher der Charakter bestimmte Dinge kann oder weiß. Der Schlüssel hierfür liegt in der Vergangenheit der Charaktere. Als Autor muss man sich also nicht nur Gedanken darüber machen, wie eine bestimmte Figur in der Gegenwart ist, sondern auch, wie sie zu dieser Person geworden ist.

Beispiel: Woher weiß ein 70-jähriger Pensionist wie er eine E-Mail abschickt? Vielleicht ist er ein besonders technikaffiner Mensch? Oder er war an der Entwicklung des Internets in den 1980er Jahren beteiligt?

 

Ein Blick in die Figur hinein

Es muss für den Leser also nachvollziehbar sein, warum ein Charakter genau so und nicht anders handelt. Dies erreicht man …

1. über die emotionale Schiene: Emotionen der Charaktere müssen vom Leser nachempfunden werden können. Dies funktioniert, indem man etwa beschreibt, wie sich die Figur fühlt, z.B. Sie zitterte vor Aufregung, ihr wurde heiß und sie hatte das dringende Bedürfnis, sich auf der nächsten Toilette einzusperren.

Außerdem werden Handlungen nachvollziehbar, wenn der Leser einen Blick in die Gefühls- und Gedankenwelt des Charakters erhält, z.B. “Keiner hat mir gesagt, dass so viele Menschen kommen würden! Was ist, wenn ich meinen Text vergesse?”

2. Erreicht man Glaubwürdigkeit, indem man die Vergangenheit der Figuren miteinbringt. Unsere vergangenen Erlebnisse und Erfahrungen sind die Füße, auf denen wir stehen. Die Summe von dem, was wir getan und erlebt haben, lässt uns dort stehen, wo wir in diesem Moment sind.

Bei Romanfiguren ist das nicht anders. Als Autor muss man den Leser nicht mit allen Infos zur Figur überfordern – oder schlimmstenfalls sogar langweilen. Es geht darum, für die jeweilige Szene eine passende Geschichte aus der Vergangenheit der Figur parat zu haben, um so die Handlungen der Figur zu verstehen und nachzuvollziehen. Ein Charakterlebenslauf ist hierfür sehr hilfreich. Darin kann man alle nötigen Fragen zur Figur beantworten und sie dem Leser im Laufe der Geschichte präsentieren, z.B. Woher kommt der Charakter? Wie sehen seine familiären Hintergründe aus? Welche Freunde hat er? Welche Ausbildung hat er hinter sich und welche Jobs hat er bereits gemacht? Wen hat er dabei kennengelernt?

Es gibt ausreichend Ansätze, die in der Vergangenheit der Figuren liegen, um so bestimmte Fähigkeiten zu begründen. Dabei sollte man aber darauf achten, dass die Vergangenheit auch zum Charakter passt und sich in seinen Lebenslauf gut einfügt. Wenn der oben erwähnte Pensionist nie aus seinem Dorf in der Nähe von Buxtehude herausgekommen ist, wird er wohl kaum an der Entwicklung des Internets beteiligt gewesen sein.

 

Klischees sind langweilig

Naive Blondinen, selbstverliebte Bodybuilder, der attraktive Unbekannte, der alte Geizhals und das schüchterne Mauerblümchen sind Charaktere, die schon dutzende Male in Geschichten und Filmen vorgekommen sind. Der Leser kennt diese Figuren nur zu gut und daher sind sie für ihn nicht mehr besonders interessant. Davon abgesehen machen diese Art von Charaktere keinen glaubwürdigen Eindruck, da sie meist sehr einseitig gezeichnet sind.

Viel lebensechter sind komplexe Charaktere, die Widersprüche in sich tragen, mit inneren Konflikten und Gewissensbissen klarkommen müssen, die unerwartet handeln und den Leser so überraschen.

Dabei sollte man als Autor bedenken, dass es keine absolut bösen oder guten Figuren gibt. Jeder hat positive und negative Eigenschaften, Schwächen, verbotene Wünsche, Vorurteile, Abneigungen, einen Tick, ein besonderes Interesse, etc. Auch starke Figuren dürfen ab und zu Schwäche zeigen. Durch diese Vielseitigkeit gewinnt die Figur an Dreidimensionalität, wirkt greifbarer und wird vom Leser als glaubwürdig empfunden.

Besonders spannend wird es, wenn der Autor begründen kann, was die Motive des Gegenspielers sind. Warum stellt er sich dem Helden in den Weg? Was ist seine Geschichte?

 

Es kommt nicht nur auf die inneren Werte an

Charaktere sind keine formlosen Gespenster, die nur aus Gedanken und Emotionen bestehen. Es sind Figuren, Menschen, die bestimmte körperliche Eigenschaften haben, sie haben ein Zuhause, eine bestimmte Haarfarbe (rote Haare werden gerne mit einem temperamentvollen Gemüt in Verbindung gebracht) und ein Sozialleben. Bei der äußerlichen Beschreibung muss man nicht auf jedes Muttermal der Figur eingehen. Es geht darum, hervorstechende Äußerlichkeiten zu beschreiben. Den Rest kann sich der Leser selbst dazureimen. Als Autor sollte man die Fantasie des Lesers nicht zu sehr in Grenzen weisen. Er hat seine Vorstellung von den Figuren und die Erläuterungen des Autors dienen nur als Stütze, um die Besonderheiten einer Figur zu erfassen. Z.B. Ist es unnötig, bei einer Schülerin jeden einzelnen Pickel zu beschreiben und auf die genaue Musterung und Stoffart ihrer Kleidung einzugehen. Es reicht aus, z.B. zu schreiben, dass die Schülerin altmodische Kleidung trug, unreine Haut hatte und unscheinbar wirkte. Der Leser kennt solche Personen vermutlich aus eigener Erfahrung, vielleicht ist genauso ein Mädchen mit ihm in die Schule gegangen. Jedenfalls reichen oftmals schon grobe äußerliche Beschreibungen, um die Fantasie des Lesers zu beflügeln und so seine Bindung zum Charakter zu stärken.

Hier gilt es abzuwägen, ob gibt es markante Äußerlichkeiten gibt, über die der Leser Bescheid wissen muss oder eine allgemeine Beschreibung ausreicht. Hatte die Schülerin z.B. zu allem Übel auch noch eine hohe Stirn und eine schiefe Nase, sollte dies dem Leser unbedingt mitgeteilt werden.

 

Fazit

Romancharaktere sind das Bindeglied einer jeden Geschichte. Der Leser identifiziert sich mit ihnen, fiebert mit ihnen mit und findet so in die Geschichte hinein. Diese Wirkung erreicht man, indem man glaubwürdige Charaktere mit Stärken und Schwächen kreiert. Besonders wichtig ist die Vergangenheit der Charaktere, damit bestimmte Fähigkeiten, Meinungen und Handlungen für den Leser nachvollziehbar werden. Außerdem zählen nicht nur die inneren Werte der Figur, sondern auch ihre äußerlichen Merkmale, die zu ihrer Persönlichkeit passen sollten, um so einen überzeugenden Charakter zu erschaffen, bei dem der Leser fast vergisst, dass es sich um keinen realen Menschen handelt.

 

 

Welche Kombinationen von Stärken und Schwächen machen Figuren eurer Meinung nach besonders spannend? Welche klischeehaften Charaktere könnt ihr überhaupt nicht mehr hören/sehen/lesen? Ich bin auf eure Antworten gespannt.

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