Werkzeugkästen, Fossilien und Geschichten

Stephen King gibt in  Das Leben und das Schreiben Einblicke in seinen Werdegang als Schriftsteller, liefert Schreibtipps und erklärt seine Ansichten zum Schreiben und wie man an eine Geschichte herangehen kann. King schreibt auf eine vertrauenserweckende und persönliche Weise, die dem Leser stellenweise das Gefühl gibt, als würde man sich direkt mit ihm unterhalten.


 

Ich möchte hier einen Ausschnitt des Buches vorstellen, der mich besonders beeindruckt hat:

Der Vergleich mit dem Werkzeugkasten seines Großvaters gehört wahrscheinlich zu den bekanntesten Teilen des Buches: King ist der Ansicht, dass sich ein Schriftsteller seinen eigenen Werkzeugkasten zulegen soll, mit dessen Hilfe er an seinen Projekten arbeitet. Darin soll alles enthalten sein, was man als Autor gebrauchen kann.

So schreibt King:

Ich möchte Ihnen ans Herz legen, sich Ihren eigenen Werkzeugkasten zusammenzustellen und so stark zu werden, daß Sie ihn immer bei sich tragen können, wenn Sie Ihren Fähigkeiten entsprechend schreiben wollen. Wenn Sie dann vor einem schwierigen Problem stehen, können Sie zum passenden Werkzeug greifen und sich sofort an die Arbeit machen, anstatt entmutigt aufzugeben.” – Stephen King, Das Leben und das Schreiben, S. 128.

Die drei wichtigsten Werkzeuge eines Autors sind laut King:

1. Wortschatz: Dabei ist es nicht wichtig, ob man nun mit Fremdwörtern um sich wirft oder eine einfache Sprache verwendet. Man soll aber nicht, wie King es formuliert, das “Vokabular schön herausputzen” (S. 132). Also nach komplizierten oder besser klingenden Wörtern suchen, weil man sich für die einfachen Wörter schämt. Wenn das erste Wort, das einem einfällt, passt und die Szene anschaulich beschreibt, kann man es dabei belassen. Man findet immer bessere Worte als jene, die bereits geschrieben sind, ich spreche aus eigener Erfahrung. Es stellt sich dabei nur die Frage, ob damit nicht vielleicht die Bedeutung des Satzes oder der Szene verändert wird und man damit immer noch das aussagt, was mit dem ersten Wort gemeint war.

2. Grammatik: Ich bin kein Grammatik-Fan, trotzdem ist es wichtig, sich mit den Grundlagen des Satzbaus vertraut zu machen, sonst kann man wahrscheinlich keinen vernünftigen Text schreiben. Natürlich kann man auch unvollständige oder grammatikalisch nicht korrekte Sätze in seinen Text einbauen, wenn dies für die Geschichte erforderlich ist, aber im Großen und Ganzen sollte man sich doch an die Regeln halten.

Sätze beinhalten jedenfalls ein Substantiv und ein Verb, sie beginnen mit einem Großbuchstaben und enden mit einem Punkt. Um die Sätze auszuschmücken, verwendet man Relativsätze, Nebensätze, Appositionen und Haupt-Nebensatz-Gefüge. Ich glaube, jeder von uns hat während seiner Schulzeit die grundlegenden Bausteine der Grammatik gelernt und kann damit umgehen. Für alles andere gibt es Google. Wer sich intensiver mit dem Thema auseinandersetzen möchte, kann einen Blick in den Duden 04: Die Grammatik werfen.

3. Stilistik: King rät dazu, die passive Schreibweise zu vermeiden. Das Passiv wirkt auf den ersten Blick zwar sicher, drückt aber laut King eine gewisse Ängstlichkeit oder Schüchternheit des Autors aus. Mir ist in meinen eigenen Texten aufgefallen, dass ich gerne zu passiven Formulierungen neige, die jedoch im Aktiv viel besser klingen. Ein Beispiel: Das Treffen wird um sieben abgehalten. Oder: Das Treffen ist um sieben. Das Aktiv drückt mehr Sicherheit und Bestimmtheit aus. Wenn man ein Gefühl für aktive und passive Formulierungen entwickelt, kann man seinem Text dadurch mehr Schärfe und Schwung verleihen.

Nun aber zu der Frage, was Geschichten mit Fossilien zu tun haben:

King beschreibt Geschichten als Fundstücke, Fossilien im Boden, die mithilfe des vorhandenen Werkzeugs behutsam hervorgebracht werden sollen. Das heißt, die Geschichte existiert bereits und muss nur noch so unbeschadet wie möglich aus dem Boden gehoben werden. Mir gefällt diese Metapher, da sie den Prozess des Schreibens recht gut veranschaulicht … und ich als Historikerin stehe sowieso auf solche Vergleich.

Wenn man bei dieser Metapher bleibt, ergibt sich also folgendes Bild: Das Fossil befindet sich im Boden, man legt einen kleinen Teil davon frei (das ist in unserem Fall die grundlegende Idee einer Geschichte), mithilfe von Meißeln, Pinseln und Druckluft befördert man Stück für Stück des Fossils an die Oberfläche. Hier wird klar, dass sich King als Discovery Writer versteht, also ein “entdeckender Schreiber”, der nicht mit einer vorgefertigten Handlung arbeitet, sondern seine Charaktere in einen Konflikt bringt und dabei beobachtet, wie sie diesen Konflikt lösen. King vergleicht die vorerstellte Handlung mit einem Presslufthammer. Natürlich kann man damit das Fossil auch aus dem Boden holen, dabei wird aber mindestens soviel zerstört wie hervorgebracht.

King meidet vorgefertigte Handlungen, da diese 1. nicht oft im Leben vorkommen und 2. sie nicht mit der spontanen Entstehung zusammenpassen. Vielmehr setzen sich Geschichten aus drei Elementen zusammen:

1. Die Erzählung spinnt den inhaltlichen Faden. Die Geschichten erschaffen sich in erster Linie selbst und die Aufgabe des Schriftstellers besteht darin, ihnen einen Ort zu geben und sie aufzuschreiben.

2. Die Darstellung erschafft die sinnlich wahrnehmbare Welt, dabei soll man gar nicht zu detailliert auf die körperlichen Eigenheiten und die Kleidung der Charaktere eingehen, da dies die Phantasie des Lesers zerstört. So reicht es zum Beispiel, zu erwähnen, dass eine Schülerin alte unmodische Kleider trägt. Es ist nicht nötig, hier auf die Einzelheiten der Kleidung einzugehen, da sich jeder etwas unter alten unmodischen Kleidern vorstellen kann. Stattdessen soll man vielmehr den Schauplatz und die Umgebung beschreiben, um den Leser so in die Geschichte hineinzuziehen.

3. Der Dialog sorgt mithilfe der Sprache für das Leben in den Figuren. Durch die gewählten Aussagen und Worte kann man dem Leser die Persönlichkeit des jeweiligen Charakters vermitteln, daher sollte man auch unanständige Begriffe oder Schimpfwörter verwenden, wenn dies dem Charakter einer Figur entspricht. Die Hauptregel bei guter Prosa lautet: Nichts erzählen, wenn man es stattdessen auch vorführen kann. Show, don´t tell.

 

Was sagt ihr zu Kings Werkzeugkasten und seiner Arbeitsmethode als Discovery Writer? Habt ihr eine fertige Handlung bevor ihr mit dem Schreiben beginnt oder lasst ihr die Ereignisse auch auf euch zukommen?

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2 Kommentare

  1. Hallöchen,
    ich habe „Das Leben und das Schreiben“ im Dezember gelesen und fand es auch sehr interessant. Bei manchen Dingen könnte ich mich zwar mit King streiten, aber ich fand das Buch trotzdem sehr motivierend. Zum Beispiel bin ich kein 100%iger Discovery Writer. Ich brauche einen gewissen Plot, an dem ich mich entlanghangeln kann (zumindest bei Romanen. Kurzgeschichten sind was anderes). Allerdings sollte dieser Plot auch nicht zu sehr in Stein gemeißelt sein, sodass ich trotzdem während des Schreibprozesses noch neue Szenen hinzufügen kann.

    Den Vergleich mit dem Werkzeugkasten fand ich auch sehr schön.

    Toller Blog übrigens 🙂 Ich bin dir gleich mal gefolgt.

    Ganz liebe Grüße
    Myna
    von http://www.myna-kaltschnee.com

    • Stimmt, was man vom Discovery Writing halten soll, ist wirklich eine Streitfrage. Ich tendiere ja eher in die Richtung von Stephen King, arbeite aber daran, mir zumindest einen ungefähren Plot zusammenstellen. 😉
      Freut mich, wenn dir der Blog gefällt. Ich hoffe, noch viele spannende Beiträge zu liefern. 🙂
      Liebe Grüße
      Caro

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