Von einem Morgen, das niemals war …

Vor Kurzem bin ich auf ein Genre gestoßen, das mir bisher noch unbekannt gewesen ist, nämlich dem Steampunk. Hierzu findet sich auf Amazon bereits einiges an Literatur. In der Google-Bildersuche findet man unzählige Bilder zum Schlagwort “Steampunk”. Dabei wird einem schnell klar, dass es bei Steampunk um Technik und um das 19. Jahrhundert gehen muss. Aber was verbirgt sich genau hinter diesem Genre?


 

 

Retro-Futurismus

Bevor der Begriff “Steampunk” erklärt werden kann, muss man verstehen, was mit dem paradox klingenden Wort “Retro-Futurismus” gemeint ist. “Retro-Futurismus” wurde erstmals 1983 vom US-amerikanischen Medienkünstler Llyod Dunn verwendet. Darunter versteht man eine Sicht auf die Zukunft, wie sie in früheren Zeiten entstanden sein könnte. Der britische Schriftsteller Stewart Home ergänzte diese Erklärung damit, dass Retro-Futurismus eine “Moderne nach den Bedingungen der Postmoderne” sei. Es geht also um Zukunftsvisionen, die in der Vergangenheit entstanden sind. Also, z.B. wie sich die Menschen des 19. Jahrhunderts die Zukunft vorgestellt haben. Diese Zukunftsvisionen der Vergangenheit sind in Wissenschaft und Kunst dokumentiert und besonders im Science-Fiction Bereich vertreten. Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins spricht in diesem Zusammenhang von einem “Morgen, das niemals war”. (Henry Jenkins, The Tomorrow That Never was. Retrofuturism in the Comics of Dean Motter)

 

Steampunk

Der Steampunk stellt nun einen Teilbereich des Retro-Futurismus dar. Hierbei wird moderne futuristische Technik mit Materialien des viktorianischen Zeitalters (= Herrschaftszeit der britischen Königin Viktoria, 1837-1901) verknüpft. Der zeitliche Schwerpunkt liegt um die Jahrhundertwende, der sogenannten Belle Epoque, die man zirka auf 1890 bis 1912 datieren kann. Steampunk wurde vor allem über das Internet bekannt, um das Jahr 2001 taucht der Begriff erstmals außerhalb kleiner literarischer Kreise auf. (Jahnke, Steampunk, S. 41) Trotzdem ist Genre noch eher unbekannt, bis 2007 Magazine wie Wired oder die New York Times vermehrt Berichte darüber veröffentlichen und das Genre somit an Bekanntheit gewinnt.

Das Genre ist nicht nur in der Literatur vertreten, sondern auch in Film, im Kleidungsstil und einer gewissen Lebenseinstellung. Kennzeichnend hierfür ist ein Retro-Look der Technik in Kombination mit einer Idealisierung des viktorianischen Zeitalters hinsichtlich Mode und Kultur.

Häufiges Element des Steampunks ist die Dampf- und zahnradgetriebene Mechanik, die im 19. Jahrhundert im Kontext der Industrialisierung die neueste Technik repräsentierten. Zudem gelten der viktorianische Kleidungsstil und das zeitgenössische Werte-Modell, eine gewisse Do-it-yourself-Mentalität, Abenteuerromantik und (verrückte) Wissenschaft als Erkennungsmerkmale. Kurz gesagt: High-Tech und Nostalgie werden miteinander verbunden und stellen somit ein alternatives 19. Jahrhundert dar.

Neben dem Retro-Futurismus ist Steampunk auch ein Teil der Alternativweltgeschichte. In diesem Bereich geht es um Gedankenspiele, die sich darum drehen, was hätte passieren können, wenn sich historische Begebenheiten anders entwickelt hätten. Also zum Beispiel, was wäre gewesen, wenn die Südstaaten den Amerikanischen Bürgerkrieg gewonnen hätten und nicht die Vereinigten Staaten? Oder was wäre, wenn die Wiedervereinigung Deutschlands gar nicht oder anders abgelaufen wäre? Für gewöhnlich stehen bei der Alternativweltgeschichte Fragen zu sozialen und politischen Umständen im Vordergrund, die anders hätten verlaufen können.

Im Steampunk konzentriert man sich hingegen auf die Frage, wie sich die Technik hätte entwickeln können, was wiederum soziale und politische Veränderungen nach sich ziehen kann. Grundsätzlich überlegt sich der Steampunk also, welche alternativen Wege es in der technischen Entwicklung hätte geben können, was meist eine fantastisch anmutende Technik zur Folge hat.

Davon abgsehen gibt es noch zahlreiche Unter-Genres, wie etwa den Clockpunk. Dieses Genre beinhaltet, dass die zentralen Energiequellen einen rein mechanischen Ursprung haben und spielen um das Jahr 1500, oftmals mit Bezug auf Leonardo da Vinci. Beim Dieselpunk liegt der zeitliche Schwerpunkt hingegen auf den 1930/40er Jahren, wo Dampf durch Diesel ersetzt wird. Eine ästhetische Orientierung erfolgt hier anhand der Art Déco und des Film Noir.

 

Zusatzinfo:

Steampunk in der Literatur

Die Wurzeln des Steampunks liegen bei den frühen Science-Fiction-Autoren Jules Verne (1828-1905) und H.G. Wells (1866-1946). Sie beschreiben die Zukunft der Technik aus der Sicht ihrer Zeit heraus, also aus Sicht des frühen industriellen Zeitalters. Vorreiter der Technik war zu diesem Zeitpunkt die Dampfmaschine.

Die ersten deutschsprachigen Autoren, die sich dem Steampunk-Genre widmeten, waren Kurd Laßwitz (1848-1910) und Hans Dominik (1872-1945). Dominik entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. Zuvor war er als Ingenieur für Maschinenbau und Elektrotechnik tätig gewesen, somit verfügte er auch über das nötige Fachwissen, um die technischen Konstruktionen literarisch umzusetzen. Insgesamt veröffentliche Dominik zirka 1.000 Erzählungen, Bücher und Artikel (Jahnke, Steampunk, S. 26). Der Inhalt seiner Werke bezog sich meist auf deutsche Wissenschaftler oder Ingenieure, die ihre genialen Erfindungen gegen böse Konzerne oder Nationen verteidigen müssen. Seine Protagonisten legen wert auf eine friedliche Nutzung ihrer neuen Technik, wohingegen der Krieg abgelehnt wird. Neben all der Technik greift Dominik in seinen Romanen allerdings auch auf die indische Mystik, Wahrsagerei und Telepathie zurück.

Viele Autoren bedienen sich heutzutage an den Steampunk-Elementen und kombinieren diese mit den Ideen des Abenteuerromans im frühen 20. Jahrhundert. Sie legen ihren Schwerpunkt auf Abenteuer und die Naturwissenschaft oder beziehen Elemente des Kriminalromans ein. Die genannten Steampunk-Elemente gehen in der Literatur inzwischen über die gewöhnliche Science-Fiction hinaus und erreichen somit auch das Fantasy- und Horror-Genre.

 

Was sagt ihr zum Genre? Sagt es euch zu oder könnt ihr überhaupt nichts damit anfangen? Habt ihr schon etwas davon gelesen oder vielleicht auch selbst geschrieben?

 

Hier noch ein paar weiterführende Links zum Thema:

http://www.retro-futurismus.de/

http://clockworker.de/cw/

http://meta-punk.de/

 

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